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Helen Heinemann

Irgendwas muss anders werden!

Neue Wege aus der Erschöpfung – Das 5 Tage Programm 2020 Rowohlt, Hamburg

2020 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg
256 Seiten, Taschenbuch 12,00 EUR
E-Book 9,99 – ISBN: 978-3-499-005084

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 Burnout verhindern und wieder handlungsfähig werden!
 Fragen an die Autorin

Burnout verhindern und wieder handlungsfähig werden!

“Ich schaff das alles nicht mehr! Irgendwas muss anders werden!” – Mit diesem Stoßseufzer kommen Frauen und Männer in die Seminare von Helen Heinemann. Komplexe Arbeitswelten, idealisierte Rollenbilder, private Doppelbelastungen und hohe Ansprüche an sich selbst bringen auch gut organisierte Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Mit zahlreichen O-Tönen, fachlichem Hintergrund und einfachen Aufgaben zum Selbermachen weist dieses Buch Schritt für Schritt den Weg aus der Burnoutfalle hin zu mehr Gelassenheit und Lebensfreude.

Fragen an die Autorin

«Wenn es nicht so dramatisch wäre», schreiben Sie, «könnte man fast sagen, sich erschöpft zu fühlen, gehört heutzutage beinahe zum guten Ton.» Was unterscheidet einen Erschöpfungszustand, den wir alle nur zu gut kennen, von einem Burnout?
Bei einem vollendeten Burnout kommt zu einem tiefgreifenden psychosomatischen Erschöpfungszustand noch der Verlust der Erholungsfähigkeit hinzu. Damit wird die Geschichte dramatisch und die Behandlung ausgesprochen langwierig.

Ursache und zentrales Merkmal eines Burnouts ist weder eine physische noch eine kognitive Erschöpfung, sondern ein emotionales Ausbrennen. Schwerpunkt der Behandlung muss also die emotionale Erholung sein.

Ihr neues Buch beschreibt – in anonymisierter Form – exemplarisch fünf Seminartage mit einer Gruppe von Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wie schaffen Sie es in so kurzer Zeit, einer so heterogenen Gruppe Inspirationen für eine neue Work-Life-Balance zu geben? Und: Wie nachhaltig kann ein solcher 5-Tage-Intensivkick sein?
In ein Burnout geraten Menschen kaum durch das, was sie tun, sondern wie sie es tun. Entscheidend sind die Persönlichkeitsmerkmale. Und da sind sich die Teilnehmenden sehr ähnlich: Sie haben in der Regel ihren Traumberuf gefunden und sind nicht nur dort, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen sehr engagiert und leistungsbewusst. Sie sind erst zufrieden, wenn sie ein wirklich gutes Ergebnis erzielt haben, sie lassen andere nicht hängen, machen freiwillig Überstunden und kommen auch dann zur Arbeit, wenn es ihnen nicht so gut geht. Grundsätzlich kann man sagen, sie sind mit Haut und Haaren und vor allem mit dem Herzen bei der Sache. Diese Persönlichkeitsmerkmale verbinden die Teilnehmenden rasch zu einer sehr starken und wertschätzenden Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und inspiriert. Ziel der Veranstaltung ist es, diese guten Eigenschaften und Fähigkeiten zu erhalten, sie aber nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst einzusetzen. Dafür braucht man Zeit. Deshalb fünf intensive Tage in einer stärkenden Gruppe. Gelingt diese Erweiterung des Blickwinkels auch auf sich selbst als Person, ist diese Veränderung nachhaltig.

Eine Balance ist nur über die Mittelachse möglich, d. h. die Fülle an Aufgaben lässt sich nur dadurch bewältigen, dass man sich selbst als Mittelpunkt nimmt. Konkret umgesetzt bedeutet das, nicht bei jeder Aufgabe, die an einen herangetragen wird, gleich in einen Startreflex zu verfallen, aufzuspringen und sofort bereit zu sein, sondern sich auch bei der kleinsten Sache einen kurzen Moment innerlich zurückzulehnen und zu fragen: «Will ich das?» «Und wenn ich es will, wie soll es aussehen?» «Und wenn ich es will und weiß, wie es aussehen kann, wann will ich es machen?» «Und wenn ich es nicht will, egal warum: Wie gestalte ich ein freundliches Nein?» Indem ich mir diese kurzen Momente der Besinnung nehme, bestimme ich über mein Leben und meine Arbeit. Damit laufen die Aufgaben über mich als Mittelpunkt. Dann dürfen es auch gern mal viele Aufgaben sein.

Als Expertin für Work-Life-Balancing haben Sie es in Ihrer Arbeit mit Frauen und Männern zu tun. Gibt es so etwas wie ein Gender-Gap auf, also signifikante Unterschiede im Umgang der Burnout-Problematik bei Männern und Frauen?
Frauen spüren die zunehmende Erschöpfung und den Verlust der Erholungsfähigkeit bei sich selbst meist eher als Männer, die die Veränderung ihrer Leistungsfähigkeit oftmals erst sehr spät wahrnehmen. Frauen betreiben zudem mehr Vorsorge und melden sich insgesamt frühzeitiger bei uns. Wenn die Männer nicht mehr können, dann ist es oftmals schon sehr weit gekommen, und dann soll möglichst rasch auch eine Lösung her. Männer melden sich manchmal noch einen Tag vor Seminarbeginn bei uns an.

Inhaltlich geht es in beiden Gruppen immer um eine emotionale Erschöpfung – der Hintergrund ist aber ein anderer. Durch die Auflösung der Geschlechterrollen muss vieles neu definiert und geregelt werden. Während die Männer eine tiefe Verunsicherung in ihrer bislang so selbstverständlichen patriarchalischen Rolle erleben, fühlen sich die Frauen in der Fülle an neuen, durchaus sehr interessanten Aufgaben oftmals alleingelassen und überfordert.

Sie beziehen sich in Ihrer Arbeit explizit auf theoretische Ansätze wie die Salutogenese, das Selbstwirksamkeitskonzept und die Transaktionsanalyse (TA). Unterscheiden Sie sich mit diesem Methodenmix in Ihrer Arbeit von anderen «Anbietern» von Burnout-Prävention?

Tatsächlich unterscheidet sich meine Herangehensweise deutlich von den klassischen Ansätzen, die in der Regel mit nur einer gut entwickelten Methode arbeiten. Eine Methode allein braucht allerdings viel Zeit, um die vielfältigen Aspekte einer tiefgreifenden psychosomatischen Erschöpfung zu erfassen und zu bearbeiten. Ich hatte aber nur fünf Tage für eine nachhaltige emotionale Erholung meiner Teilnehmenden zu Verfügung. Deshalb bin ich vom Ziel ausgegangen und nicht von der Methode. Das Ziel sollte eine spielerisch-kreative Leichtigkeit im Umgang mit den Herausforderungen des Alltags sein. Damit dieses Ziel erreichbar wird, sollte es bereits im Seminar erlebbar werden. Dafür habe ich die passenden Methoden ausgewählt – sozusagen von allem nur das Beste – und diese an einem roten Faden entlang in einen lebendigen Wechsel gebracht. Dadurch verändert sich immer wieder die Perspektive, und der Blick weitet sich. Auch lässt sich durch einen Methodenwechsel leichter lernen: So fordert theoretisch-analytischer Input den Geist, hier vor allem die linke Gehirnhälfte, psychophysiologische Entspannungsmethoden lenken die Aufmerksamkeit auf Atem und Körper, und kreatives Gestalten aktiviert das vernetzte Denken der rechten Gehirnhälfte und gibt Emotionen einen sicheren Raum. So werden die Teilnehmenden über die unterschiedlichsten Wege aktiviert. Begeisterung und Lachen in einer wertschätzenden Gruppe befeuern zudem die Lust auf Veränderung und geben gleichzeitig die Kraft dazu.

Wirft man einen Blick auf Ihre private wie berufliche Vita (vier Kinder und viel, viel Arbeit), dann wundert es, wie Sie all das schaffen, ohne selbst – als Klientin – Ihre eigenen Kurse besuchen zu müssen. Krasse Multitaskerin, gute Gene – was ist es?
Ich kann mich gut an Phasen tiefer Erschöpfung erinnern, gerade als die Kinder klein waren und das Geld sehr knapp. Ich konnte mich aber immer wieder gut erholen. Ein kleiner Schichtwechsel, einen Tag lang mal in einem Roman versinken nach dem Motto «Man kann nicht alles auf einmal schaffen, aber man kann alles auf einmal liegenlassen», die Gewissheit, es immer irgendwie hinzubekommen – nicht unbedingt perfekt und für mein Wohlergehen gern auch mit Hilfe –, dazu mal eine ungestörte Stunde mit meinem Mann, fröhliche Kinder und das Fest, eine Familie zu sein, ließen mich wiederaufleben. Es waren diese Kleinigkeiten, die mich bei aller Anstrengung nicht emotional erschöpfen ließen. Das Entscheidende war und ist allerdings, dass ich mein Leben mit allen Höhen und Tiefen so gewollt habe, dass ich sozusagen die Bestimmerin meines Lebens bin.

In Ihrem Buch findet man den schönen, in diesem Kontext aber doch verblüffenden Satz: «Letztlich ist alles ein großes, wundervolles Spiel.» Was wollen Sie Ihren Leser*innen damit auf den Weg geben?

Unser Leben ist so groß, so bunt, so vielfältig, wir können es gar nicht kontrollieren. Wir können vielleicht ein paar Pläne für den Alltag machen, doch darüber hinaus folgt eine Überraschung nach der anderen. Diese gilt es, willkommen zu heißen, die Herausforderungen anzunehmen und daran zu wachsen und zu reifen. Das gelingt am besten spielerisch mit Versuch und Irrtum, mit Leichtigkeit, Schimpfen und Lachen. Der Ernst des Lebens zielt auf eine statische Perfektion. Das Spiel des Lebens bedeutet lebendiges Wachstum.

Eine letzte Frage. Stehen Sie mit den Teilnehmer*innen Ihrer Seminare und Coachings auch danach noch im Austausch über deren Weg aus der Burnout-Falle – oder wäre ein solcher Kontakt eher kontraproduktiv?
Unsere Teilnehmenden sind ohne Ausnahme sehr kluge und feinfühlige Menschen. Haben die einmal den Dreh raus, wie sie gut für sich sorgen können, brauchen sie vielleicht noch die eine oder andere ganz spezifische Wegbegleitung, uns aber brauchen sie nicht mehr. Dennoch gibt es oftmals «Schiffsmeldungen», wohin die weitere Reise nun gegangen ist. Darüber freue ich mich immer sehr.